Cillar de Silos, Spitzenweine in Ribera del Duero

Cillar de Silos, Spitzenweine in Ribera del Duero

Diesmal führt uns unsere Reise in die spanische Weinregion Ribera del Duero D.O., wo wir in Quintana del Pidio (Burgos) das Weingut Cillar de Silos besuchen. Wir werden erfahren, was die Terroir-Weine der Familie Aragón García zu wahrlich Herausragenden macht, was wir vom Pandemie-Jahrgang 2020 erwarten können und welcher Rote ein idealer Begleiter für die weihnachtlichen Hauptgänge an den nahen Festtagen ist. Und natürlich feierliche Anlässe, die wir hoffentlich 2021 zu Genüge begehen werden können.

Nördlich von Aranda del Duero, im äußersten Nordosten der spanischen Weinregion Ribera del Duero D.O. und bereits in der Provinz Burgos auf knapp 850 Metern Seehöhe liegt das kleine, nur 150 Einwohner zählende Dorf Quintana del Pidio. Der historische Ort, mit über 800-jähriger Tradition im Anbau von Reben, ist wegen den Mikroklimas und der vielfältig beschaffenen Böden ein privilegierter Landstrich des Duero, Garant für beste Trauben und damit Spitzen-Terroirweine, wie die der Bodega Cillar de Silos und Dominio del Pidio der Familie Aragón García.

In den 1970er Jahren erwarb der damalige Getreidebauer Amalio Aragón, der mit seinen Kindern die renommierte Bodega 1994 gründete, alte Weinstöcke von anderen Landwirten aus Quintana del Pidio, von denen er vom Hörensagen erfahren hatte. Und pflanzte sie auf seinem Land. Erst produzierte Wein ausschließlich für den Eigenbedarf der Familie und Bekannter. Es waren seine Kinder, Roberto, Óscar und Amalia, die dem Weinbau-Projekt seine Form gaben, und die mit der Vermarktung der Weine begonnen haben. Óscar Aragón ist der Chefönologe und technischer Direktor, Roberto Aragón der geschäftsführende Manager und, Amelia Aragón kümmert sich aus London in ihrem Büro mit um die Promotion und das Marketing.

Am „Fluss der Weine“ Iberiens

Der Duero, in Portugal Douro genannt, quert den Norden der iberischen Halbinsel und ist als drittlängster Fluss Spaniens nach dem Tajo (port. Tejo) und dem Ebro die Lebensader der Region Kastilien-León, ehe er durch Portugal mäandert und bei Porto schließlich in den Atlantik mündet. Entlang seines fast 900 Kilometer langen Flusslaufs erstrecken sich berühmte und weniger bekannte Weinbaugebiete, neben der Ribera del Duero D.O. und Rueda D.O. oder Toro D.O. in Spanien und natürlich Douro D.O.C. in Portugal, wo auch die Reben für die Portweine in steilster Hanglage reifen.

„In Ribera del Duero haben wir eine Vielzahl von Mikro-Klimata, die nicht wirklich bekannt sind, und die die Herstellung besonderer, individueller Weine, ganz nach dem Charakter ihrer Umgebung ermöglichen. Anders als im Rioja, wo es das Hohe, das Tiefe oder das Álavas im Baskenland gibt, mit ihren ganz spezifischen Charakteristika“, erklärt mir Óscar Aragón.

„Der Torresilo ist unser herausragender Wein bei Cillar del Silos“, sagt er: „Für diesen Wein werden nur die besten Trauben der besten Parzellen, die wir haben verwendet.“ Sie stammen ausschließlich von alten Reben, die zwischen 50 und über 100 Jahre alt sind, und die die Reblaus-Plage überstanden haben. „Dementsprechend gering ist die Erntemenge, maximal 2400-2800 Kilo Trauben pro Hektar. „Aber umso höher die Qualität der Früchte“, betont Óscar Aragón. Die Reben erhielten sich in diesem Alter quasi von selbst, und die Lese erfolge natürlich nur händisch. Man folge zudem all den Prinzipien ökologischer Landwirtschaft und Produktion, doch noch habe man nicht den Ökosiegel erhalten.

Der Ausbau des Torresilo aus ausschließlich Tempranillo, den Colono Gourmet als 2017er, ein Top-Jahrgang, anbietet, der vollzieht sich nur in fast nagelneuen Holzfässern aus französischer Eiche. Je nach Jahrgang dauert dieser zwischen 16 und 18 Monaten im Faß. „Wir arbeiten mit vier Fassbauern zusammen, zwei von ihnen aus dem Burgund und zwei aus Bordeaux“, sagt Roberto Aragón: „Es ist ein sehr spezieller Wein, unschlagbar meine ich, im Preis-Qualitäts-Verhältnis.“ Und ein idealer Begleiter für festliche Anlässe und Speisen, wie die Menus zum nahen Weihnachtsfest.

Dekantieren und Atmen lassen ist unabdingbar, damit dieser elegante, tiefrote Spitzen-Wein seine Aromen, reife rote Früchte, etwas Zwetsche, Muskat und Lakritz mit all seinen Tanninen voll entfalten kann.

Die Böden, auf denen die Familie Aragón García ihre Reben hat, sind darüber hinaus überaus divers. „Sie haben nichts mit den Duero-Böden der Zone um Peñafiel in der Provinz Valladolid gemein“, sagt Önologe Óscar Aragón: „Das liegt daran, dass wir in Höhen- und Hanglage zwischen Tälern unsere Reben haben.“ Kalksteinböden zum einen, aber auch solide Unterschichten aus Lehm in der Wurzelzone, die als idealer Wasserspeicher der vor allem im Winter ergiebigen Regenfälle und Schneefälle dient. „Stress durch extreme Trockenheit leiden unsere Weinstöcke so gut wie nie“, betont er. Wobei, wie in anderen historischen Weinbauregionen Europas und weltweit, könne der fortschreitenden Klimawandel dazu führen, dass man in extremen Sommern die Möglichkeit einer Tröpfchenbewässerung in Betracht ziehen müsse. Verglichen mit Aufzeichnungen der vergangenen Jahrhunderte, beginne die Weinlese mittlerweile meist Ende September, und nicht wie früher, stets um den 12. Oktober, dem spanischen Nationalfeiertag und dem Festtag der Nuestra Señora del Pilar.

Über 800 Jahre Weinbautradition

Schon um 1190 waren es Benediktinermönche, die als Priorat des Klosters Monasterio de Santo Domingo de Silos – ein Juwel romanischer Architektur – bereits die lokale, weiße Traube Albillo Mayor, aber natürlich auch rote Benedicto der Epoche kultivierten. Genetische Studien von 2012 belegten schließlich die lange umstrittene Herkunft der Tempranillo-Traube, heute die in Spanien am weitesten verbreitete im Weinbau. Da die Mönche ab dem 12. Jahrhundert weiße und rote Trauben nebeneinander kultivierten, ist diese Resultat einer spontanen Kreuzung der beiden, Albillo Mayor und Benedicto, und wurde bereits im 13. Jahrhundert erstmals schriftlich als „Tempranillo“ erwähnt.

Weiters berichten Kloster-Chroniken, dass den Mönchen damals pro Kopf sechs Liter Wein am Tag zustanden. Um den aus heutiger Sicht exzessiven Bedarf zu decken wuchsen mehr als 80.000 Rebstöcke um Quintana del Pidio. Wobei im Mittelalter Wein als Lebensmittel galt, Wasser wegen Infektionsgefahr durch Keime oftmals gänzlich ersetzte oder damit gemischt wurde, und der Klosterwein (kolloquial „Ojo Gallo“, „Hühnerauge“ genannt) aus roten und weißen Trauben nicht den Alkoholgehalt heutiger Duero-Weine erreichte. Der klösterliche Weinbau fand im 19. Jahrhundert schließlich sein jähes Ende, als unter dem damaligen Finanzminister und späteren Ministerpräsidenten Juan Álvarez Mendizábal mit der „Desamortización de Mendizábal“ von 1835/36 (unter Königin María Cristina de Borbón) eine Vielzahl kirchlicher Güter und Ländereien in den Staatsbesitz überführt wurden.

Soviel zur Geschichte, die heute in den Weinen von Cillar de Silos weiterlebt, und das nicht einzig und alleine in den Reben. Denn die Familie Aragón García erwarb und erwirbt auch sukzessive die unterirdischen, gemauerten Weinkeller, und restaurierte und modernisierte sie. Der ideale Ort, um die Weine zu lagern und altern zu lassen. „In den Kellern, den Cavas, herrschen natürliche Bedingungen, ganzjährig konstante Temperaturen zwischen elf und zwölf Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 78 Prozent. Wir brauchen daher keine zusätzliche elektrische Energie, was den ökologischen Fußabdruck unserer Produktion immens verringert“, sagt Roberto Aragón weiter. Dadurch, dass mehrere Weinkeller zusammengeschlossen wurden, sorgt auch ein stetiger Luftzug dafür, dass hier kein Schimmelpilz-Wachstum möglich ist, der Korken, Fässer und damit die Weine schädigen kann. „Das ist einzigartig im Duero“, sagt er.

Rot und Weiß, Seite bei Seite

Neben Cillar de Silos, mit 27-jähriger Geschichte hat die Familie Aragón García ein zweites, neues Projekt für Spitzenweine lanciert: Dominio del Pidio, mit einer überschaubaren Jahresproduktion von nur 50.000 Flaschen. Darunter La Viña De Amalio, der aus den eingangs erwähnten in den 1970ern erworbenen steinalten Albillo-Mayor-Reben gekeltert wird. „Die Produktion ist klein, aber das Projekt enorm“, unterstreicht Roberto Aragón: „Wir kaufen alte Keller und Weinbau-Flächen der 1920er, 30er- und 40er-Jahre zu, und pflanzen alte Reben, weiße und rote nebeneinander auf derselben Parzelle, wie einst die Mönche.“ Eines der Hauptanliegen ist es, die historische, weiße Traube Albillo Mayor zu erhalten und ihren Stellenwert zu steigern. „Diese Rebsorte ist fast gänzlich verschwunden, und für die drei Weine von Dominio del Pidio verwenden wir sie, beim Weißwein Cillar Blanco De Silos, dem Rosé-Wein Cillar Rosado de Silos, und dem Roten La Viña De Amalio als Cuvée mit Tempranillo“, erklärt Óscar Aragón. Der Rosé (50 % Albillo Mayor, 50 % Tempranillo) hat seit jeher seinen Stellenwert im Familienbetrieb, auch weil ihr Vater Amalio Aragón diesen persönlich bevorzugt. Dafür werde daher immer die erste Pressung der Trauben der ältesten Reben verwendet. All jene Weine kommen auch nicht in Edelstahltanks, sondern werden in Eichenfässern oder Zementtanks, beide sind porös, ausgebaut. „In allen Punkten folgen wir dabei den historischen Prinzipien der Weinproduktion“, sagt er weiter.

„Seit 20 Jahren machen wir Weißweise aus Albillo Mayor, doch erst 2019 erhielten diese Weine die D.O.-Herkunftsbezeichnung Duero“, betont Roberto Aragón. Man könne diesen nicht mit den bekannten spanischen Weißweinen vergleichen, wie es die frischen, blumigen Verdejos aus Rueda mit tropisch-fruchtigen Aromen wären, oder die Albariños (port. Alvarinho) aus dem nordwestspanischen Galicien und Nordportugal. „Diese Traube ähnelt weit mehr den Französischen“, sagt Óscar Aragón. Es wären Weißweine, die mit dem Alter gewinnen würden, was am ansehnlichen Säuregehalt liege – und deren Ausbau, „stets Barrique und über dem eigenen Bodensatz“.

„Überdurchschnittliches, gutes Weinjahr 2020“

Im „Jahr 1“ der Coronavirus-Pandemie konnte man zwar die alten Reben manuell ernten, anders wäre dies ohnehin nicht möglich. Doch mangels Arbeitskraft mussten viele andere Parzellen junger Reben zwischen 20 und 40 Jahre erstmals maschinell geerntet werden. Wirtschaftlich spüre man natürlich den immensen Einbruch der Gastronomie und Hotellerie, auch wegen der Lockdown-Phasen. Wo man insbesondere in der gehobenen Mittelklasse und Spitzenklasse wichtige Abnehmer habe. Andererseits nahm der Privatverkauf an Haushalte deutlich zu, der den Verlust zwar nicht annähernd amortisieren konnte, aber „zumindest habe man das 2020er-Jahr nicht verloren“, betont Roberto Aragón.

Und was kann man über den „Jahrgang 2020“ schon jetzt sagen? Es war nicht extrem heiß, und nicht extrem trocken, doch die herbstlichen Regenfälle setzten etwas früher ein. „Bis zum Sommer war das Jahr 2020 klimatologisch ausgezeichnet, der Reifungsprozess setzte praktisch pünktlich ein“, sagt Óscar Aragón: „Um die Weinlese sanken die Temperaturen, und erste Regenfälle setzten ein. Wir hatten aber Glück, da wir schon Ende September die Weinlese begonnen haben.“ 2020 war für die Winzer-Familie Aragón ein Jahr mit einer wahrlich großen Erntemenge an Trauben gewesen. Und auch die Qualität der Trauben war höher als in den letzten zwei Jahren. „Es war ein schlechtes Jahr wegen der Pandemie, aber was den Wein betrifft definitiv überdurchschnittlich“, unterstreichen die Brüder unisono. So könne man hoffentlich in zehn oder zwanzig Jahren eine Flasche Torresilo 2020 öffnen, und mit einem Spitzenwein darauf anstoßen, dass wir alle das Pandemie-Jahr gesundheitlich und wirtschaftlich überlebt haben. Eine Hoffnung, die ich mit der Familie Aragón und Ihnen allen teile.

Meine nächste iberische Genussreise führt mich in eine meiner absoluten Liebslings-Landstriche: die Dehesas der Extremadura. Wo ich die besten Ibérico-Schinken für Sie verkosten werde und die Rohschinken-Erzeuger nach den Geheimnissen, was einen Spitzen-Jamón ausmacht ausfragen werde. Bis dahin wünsche ich Ihnen von Herzen und bestenfalls im Familienkreis Felices Fiestas, con dulces momentos, buen provecho y sobre todo, ¡salud!

Jan Marot ist seit 2006 freischaffender Auslandskorrespondent für Spanien, Portugal und Nordafrika, Reiseführer-Autor (ADAC, Marco Polo) und Fotograf. Der Feinschmecker und versierte Hobbykoch ist gebürtiger Grazer (*1981) und entdeckte dank eines Schüleraustausches bereits zur Semana Santa 1998 in Granada seine Liebe zu Spanien, seinen Menschen und natürlich seiner vielfältigen, traditionellen wie innovativen Gastronomie. Zum Studienabschluss der Publizistik, Sozial- und Kulturanthropologie, Politikwissenschaft, Biologie in Wien und Zürich waren die Koffer daher fertig gepackt, und der One-Way-Flug gebucht. Seit mittlerweile 14 Jahren schreibt und fotografiert der stets auch am Gaumen Vielreisende für Tages- und Wochenzeitungen und Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter Der Standard, Profil, Die Welt sowie WOZ, Jungle World und das Gourmet-Magazin Falstaff.